Fronleichnam

Heute ist Prangertag, Blutstag oder Fronleichnam, wie die meisten Leute sagen, bloß weil es so im Kalender steht. Man kann doch einfach mal bei Wikipedia schauen, wie man noch sagen kann, oder? Aber das macht natürlich niemand, weil alle so Lämmer sind. Hocken da und fressen Zeug in sich rein und denken nicht eine Minute nach. So sieht es nämlich aus! Zwei Wochen ohne Essen, was sagt Ihr jetzt!? Das geht nämlich, das kann jede*r. Man braucht bloß die Disziplin. Und dann ist man völlig frei im Kopf, bzw. sieht alles klar, so wie es ist. Da sind nämlich eine Menge Sachen. Ich nummeriere sie besser durch, damit Ihr mitkommt.

1. Ich gehe spazieren draußen und ich kicke so gegen einen Stein, schaue dahin, schaue dorthin und denke nichts Böses. Da sehe ich auf einmal eine, keine Ahnung, warum die so herschaut, aber dann, weil was soll’s schon, bleibe ich stehen und rufe zu ihr rüber: „Was ist los?“ Und dann kommt sie auf mich zu und ich denke mir langsam: Oh, scheiße, die kennst du … oder doch nicht? … oder doch? Und dann bleibt sie vor mir stehen und sagt: „Hallo, erkennst du mich nicht?“ Und dann erkenne ich sie schon, sie sagt es aber auch: Dass sie mal kurz meine Nachbarin war. Also vor Kurzem ganz kurz. Nachdem der Husten-Heinrich ausgezogen ist. Husten-Heinrich: So habe ich den JETZT spontan genannt. Weil einem so was einfällt, wenn man den Wanst nicht voll hat mit Fressalien.
Und ich so: „Ja, stimmt!“
Und sie so: „Wollen wir ein bisschen spazieren gehen?“
Und ich: „Ja, okay.“
Und dann gehen wir so und sie labert und labert und ich denke, dass ich alles ganz genau mitbekomme, aber dann fragt sie plötzlich was und ich habe keine Ahnung, worum es geht. Und dann stehen wir plötzlich wieder vor dem Haus, in dem sie wohnt, und eigentlich fast auch vor dem Haus, in dem ich wohne, weil die ja nebeneinander stehen, und dann fragt sie mich, ob ich mit hochkommen will und ich sage: „Okay meinetwegen“, weil was soll’s schon, gehe ich halt mit hoch, und dann trinken wir Limo, weil Kaffee trinke ich keinen zur Zeit, und dann erzähle ich ihr von den Filmen, die ich immer geschaut habe, die aus den 70ern, und dann packt sie mir plötzlich an den Pimmel und ich erschrecke zuerst, dann wird er aber sofort steif und sie packt ihn aus und zieht sich aus und dann mich, so schnell, dass ich es fast gar nicht checke, aber sie langt alles an, so richtig, überall, und es geht voll ab, das habe ich überhaupt noch nie erlebt, mir wird schwarz vor Augen, aber nur kurz, und dann wichse ich ab wie früher als Teenager, so richtig derb, und sie stöhnt so, das habe ich noch nicht gehört, in echt jedenfalls nicht, glaube ich, und dann wird mir wieder ganz schwindlig, und plötzlich bin ich wieder unten auf der Straße. Und dann denke ich so, dass ich das gar nicht erleben hätte dürfen, weil ich ja verheiratet bin, und dann dreht es mich voll und ich denke, dass mir das passiert ist wie in einem Traum, also dass es mir vielleicht gar nicht passiert ist. Und dann denke ich daran, wie mein Frau immer nur so ausgebreitet daliegt und die Augen verdreht, wenn ich nicht gleich reinkomme. Dass ich da überhaupt noch einen Ständer bekomme, da sollte man mal drüber nachdenken, weil meistens macht mich die Situation gar nicht geil, sondern mehr wütend, und dann pumpe ich rein und dann komme ich auch eigentlich immer gleich und dann ist es auch schon vorbei, ist mir aber auch scheißegal. Jedenfalls brauche ich kein schlechtes Gewissen haben, weil wen juckt es schon, was wirklich passiert ist und was nicht. Wenn man so lebt wie ich, spielt das gar keine Rolle. Was man will oder nicht will und was man sich absichtlich oder unabsichtlich vorgestellt hat und was dann wirklich passiert ist, das geht eigentlich gar niemanden was an, das kümmert auch niemanden. Mich jedenfalls nicht.

2. Die Freimaurer haben mir immer noch nicht die E-Mail geschickt. Dafür hat mir irgend so eine Tante bei Facebook ein saudummes Gedicht geschickt. Da geht es um die Freimaurerei. Und da hat sie so geschrieben: „könnte dir gefallen“. Die hat keine Ahnung. Da steht: „Die Reise wird wohl ungenau / Der Templer stellt seine Pracht zur Schau“ Der Templer stellt aber gar nicht seine Pracht zur Schau, der ist bescheiden wie nochmal was. Da merkt man gleich: Völlige Nullpeilung, null Ahnung von der Welt. Voll zum kotzen.

3. Männer haben wegen Frauen am meisten Angst, weil sie sie vielleicht auslachen. Frau haben wegen Männer am meisten Angst, dass sie sie vielleicht umbringen. Das ist doch lächerlich. Immer gleich so zu übertreiben. Nur weil statistisch öfter Frauen von Männern umgebracht werden als andersrum. Wer schreibt die Statistiken überhaupt. Hat sich das vielleicht schon mal jemand gefragt.

4. Ich habe nichts gegen Verschwörungstheorien, weil das meiste davon wahrscheinlich stimmt. Aber wenn eine Verschwörungstheorie von einer anderen abgelöst wird, muss man das akzeptieren, und nicht ewig darauf herumreiten und behaupten, dass das immer noch genau so ist, wie man mal gedacht hat. Manchmal ändert sich einfach was. Basta.

Hunger

Jetzt ist schon Tag 4 und eigentlich müsste es langsam besser gehen, aber ich habe immer noch Hunger und ich kann nicht mal mehr bei meiner Frau im Bett schlafen. Nachts muss sie immer bis kurz vorm Einschlafen Kekse essen, deswegen kann sie sich auch nie die Zähne putzen. Oft isst sie gar keine mehr, sagt aber, dass sie sich die Option offenhalten will, und ich weiß dann nie, ob es jetzt vorbei ist oder gleich wieder losgeht. Die scheiß Knusperei. Jeden Moment könnte es so weit sein. Und ich kann an gar nichts anderes denken. Zum Glück habe ich den Schlauch.

Zu Gast bei den Freimaurern

Ich bin voll hungrig bei den Freimaurern angekommen und hatte eigentlich schon gar keine Nerven mehr, weil boah … wenn man nichts isst … man will eigentlich zu allen bloß sagen: „Halt’s Maul! Weiß du eigentlich, wie es mir geht? Also, halt’s Maul!“ Aber das kann man ja gerade bei den Freimaurern nicht bringen, weil da geht es ja darum, sich zu verbessern. Und dann war ich da eben als Gast. Ich wurde begrüßt von so ein paar einzelnen, ganz zwanglos, und die haben auch gleich gefragt, ob alles in Ordnung ist, und ich immer nur so: „Ja, ja …“ Wie das halt ist, wenn man gefragt wird, wie es einem geht oder ob es einem gut geht. Als ob da schon jemals jemand gesagt hätte, dass es ihm nicht gut geht. So ein Scheiß. Wenn ich was zu bestimmen hätte, würde ich das verbieten lassen, dass die Leute sich das fragen. Ich würde da Strafen drauf verhängen. Richtig schlimme vielleicht sogar. Wenn man auf so kleine Delikte, die es eigentlich echt nicht bräuchte, voll krasse Strafen verhängen würde, dann würde sich das jede*r verkneifen und dann gäbe es bald keine Kleinkriminalität mehr. Die ist ja Ursprung allen Übels. Der Keim. Keine Kleinkriminalität = keine Großkriminalität. So einfach ist das. Aber das kapiert der Gesetzgeber ja nicht.
Ich wurde dann auch in der großen Runde nochmal begrüßt und als Gast vorgestellt und ich habe gleich abgewunken, damit sie sehen, dass ich bescheiden bin. Und dann hat irgend so ein Typ, vielleicht gerade Lehrling oder auch schon Geselle, das hat er nicht dazugesagt, einen Vortrag gehalten, über Bandscheiben. Also, die Dinger im Rücken. Und das ging und ging, also ich meine, das hat gedauert, ey … puh … Wenn ich jetzt daran denke, wird mir noch ganz schwummrig … So eine Scheiße! Da geh ich zu den Freimaurern und lass mich über Bandscheiben volllabern. Einmal habe ich dann so gerufen: „Ey, laber nicht!“ Ich dachte, damit könnte ich gleich zeigen, dass ich auch Humor habe. Aber so richtig gelacht hat niemand, vielleicht geschmunzelt. Das kriegt man ja immer nicht so mit, wenn geschmunzelt wird. Und vornehme Leute neigen ja zum schmunzeln, die lachen nur ganz selten, und laut schon gar nicht. Die machen gar nichts laut. Wenn die auf dem Klo hocken, drehen sie den Wasserhahn und die elektrische Zahnbürste an, damit sie es nicht hören müssen, wenn einer ihrer Fürze laut ist. Die schämen sich für ihre eigenen Fürze. Das ist echt so. Ich habe mal einen ziemlich langen Artikel über vornehme Leute gelesen. Scheiße, jetzt weiß ich nicht mehr, wie er hieß. Aber wenn man danach googelt, findet man vielleicht was. Bestimmt findet man was, irgendwas findet man ja immer. Na jedenfalls, so Typen sind das, die Freimaurer. Ich war heilfroh als es rum war. Ich war dann auch schon die Treppe runter und bin dann nochmal zurück, weil ich ganz vergessen hatte zu fragen, ob ich jetzt Mitglied bin oder was ich noch machen muss. Ich bin also wieder hoch und dann wird mir auf einmal ganz schwarz vor Augen und ich zittere so ein bisschen, Kreislaufprobleme, und dann denke ich: Okay, geh aufs Klo, da gibt es kühles Wasser aus dem Hahn. Ich hatte dann kurz einen Blackout, aber dann habe ich Wasser getrunken und es ging langsam wieder. Und ich hing so auf dem Klo rum und mir fiel ein, dass ich mich beeilen muss, damit die mich hier nicht einsperren. Das wäre ja auch krass: Eine Nacht im Logengebäude. So ganz allein. Nur ich. Peter allein im Logengebäude. Das wäre einen Film wert. Wie „Kevin allein zu Haus“ oder „Kevins Cousin allein im Supermarkt“, den fand ich besser, weil der nicht so kindisch war. Der Cousin war auch schon älter. Wie alt genau, weiß ich nicht mehr. Ist auch schon ein bisschen her, dass ich den gesehen habe. Aber Mitte zwanzig bestimmt, eher Ende. So 28 würde ich sagen. Der hatte auch schon eine voll hübsche Freundin, wenn ich mich nicht täusche. Aber ja: Raus aus dem Klo. Zurück in diesen Sitzungsaal, nochmal mit den Freimaurern sprechen. Ich stehe also auf, ganz vorsichtig, also langsam, und gehe zu dem Saal, öffne die Türe und alle schauen mich entgeistert an. Wie als ob ich ein Gespenst wäre oder was. Schräge Vögel, ey. Einer hält ein Glasgefäß in der Hand, wie so eine Vase, und da sind lauter schwarze Murmeln drin. Was geht ab? Und jetzt sagt ein anderer: „Darf ich Sie bitten, den Raum zu verlassen?“ Und noch ein anderer steht auf und kommt zu mir her und sagt ganz ruhig dasselbe. Und ich so: „Was geht hier ab? Was macht ihr da?“ Und er so: „Bitte gehen Sie jetzt, Sie hören von uns.“ Und ich: „Was höre ich? Was höre ich von euch?“ Und dann wird mir auf einmal wieder ganz zweierlei und ich gebe nach. „Ist Ihnen nicht gut?“, fragt der Typ dann auf einmal wieder. „Möchten Sie sich setzen?“ Und ich so: „Nein, nein, alles okay. Ich gehe jetzt, aber ich bekomme dann eine E-Mail oder was?“ Und der Typ: „Ja.“ Und darauf bin ich dann eben abgezogen.

Nichts essen

Ich habe jetzt wirklich schon seit zwei Tagen nichts gegessen, das kommt echt krass. Vor allem, weil mir jetzt erst auffällt, wie meine Frau sich ununterbrochen Essen reinstopft. Es vergeht keine Stunde, in der man es nicht in der Wohnung rascheln hört (Kekspackung) oder irgendwie Töpfe klappern oder der Kühlschrank auf- und zugeht. Ey, das stresst mich voll. Das ist auch alles so laut die ganze Zeit. Dass man das nicht mal leiser machen kann. Ich darf aber keine Kritik äußern, sonst heißt es gleich: „Iss halt was.“ Ich fühle mich echt unverstanden. Aber mein Wille ist stark. Und einen starken Willen kann man nicht brechen. Ich mache meine Zimmertüre zu, aber man hört es die ganze Zeit durch. Ich versuche immer wieder, ob ich schlafen kann, damit die Zeit schneller vergeht. Vorhin habe ich geträumt, wie ich schwach daliege, auf einem steinigen Weg, und manche der Steine waren ganz spitz und scharfkantig und haben sich mir in die Seite gebohrt. Und dann habe ich an der Brust zu bluten begonnen und das Blut ist in den Sand eingesickert, und dann kam so ein Geier und hat mich ganz starr angestarrt mit seinen Geieraugen und dann war es plötzlich meine Frau, oder immer noch der Geier, vielleicht eine Mischung, jedenfalls bekomme ich gerade noch mit, wie das Vieh sein Maul aufreißt und attackiert – und plötzlich liege ich wieder im Bett, mit Herzrasen, total verschwitzt. Zuerst merke ich gar nicht, dass ich Hunger habe. Und dann höre ich es schon wieder von drüben rascheln.

BO

Ja, die haben früher immer viele gehört, und ja, mir war das auch immer zu brutal irgendwie, aber wenn man sich die Texte mal in Ruhe durchliest, muss man schon sagen, dass da eine gewisse Unterstützung für den Tag davon ausgeht, dass man dabei viel lernt, auch über Verhaltensweisen und so. Dass man den Tag nicht vor dem Abend loben soll, so was hat man ja schon mal gehört, aber da gibt es noch viel mehr so Zeilen zu entdecken, die einen irgendwie lenken und weiterhelfen. Kennt noch jemand Knigge? Das war so ein Typ, schon ewig tot, der hat viel über den Umgang untereinander nachgedacht und aufgeschrieben, damit man weiß, wie man sich besser benimmt. Das ist schon total veraltet und hundert Seiten lang, aber es gibt immer noch Leute, die jetzt ihre Bücher Knigge nennen, da stehen dann halt meistens Regeln drin. Aus den Onkelz-Texten müsste man so ein Buch machen, einen Onkelz-Knigge. Ich würde das sofort kaufen. Das würden dann bestimmt auch die ganzen anderen kaufen, die die Onkelz-Lieder nie hören wollten.

Heilfasten

Ich habe mir überlegt, wegen der scheiß Fresserei, also eigentlich dem blöden Hunger im Büro, dass ich am liebsten gar nichts mehr essen würde, und dann habe ich das im Internet gegoogelt und herausgefunden, dass das tatsächlich geht, dass man wochenlang gar nichts essen kann und nicht sterben muss, sondern das sogar gesund ist. Die ersten paar Tage erfordern eisernen Willen, aber danach wird man belohnt mit einem absolut gutem Feeling. Das soll sein, wie wenn man ein bisschen gekokst hat. Das kann ich aber nicht beurteilen. (Ich glaube, einmal hat mir einer Koks gegeben, aber da war ich dann schon voll besoffen.) Irgendwann ist es dann sogar schwierig, mit dem Essen wieder anzufangen. Trinken reicht eigentlich völlig aus. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, das jetzt zu machen. Es kann also sein, dass es in nächster Zeit weniger Rezepte gibt, also vielleicht gar keine. Mal schauen. Meine Frau macht bestimmt nicht mit, dann muss ich der manchmal was kochen, das kann ich dann in den Blog aufnehmen. Okay, das geht. Aber vielleicht habe ich nicht immer Lust, was Neues zu kreieren und koche dann einfach ein altes Rezept. Das brauche ich dann natürlich nicht doppelt veröffentlichen.

Mulattenmampf

Der Mulattenmampf heißt so, weil er weder so weißlich ist wie der Champignonreis, noch so schwarzbraun wie der Linsen-Pott, sondern eben was dazwischen, nämlich so mittelbräunlich, wie jemand, der vom Sommer gut gebräunt ist oder halt von Geburt Mulatte.
Jetzt aber nicht falsch denken! Der Mulattenmampf ist nämlich nicht einfach der Champignonreis gemischt mit dem Linsenpott, sondern ein eigenes Gericht, das schmeckt ganz anders und da sind auch ganz andere Sachen drin und dazu benötigt man folgende

Zutaten:
● Anitpasti
● Kartoffeln
● Maggi-Kraut
● Champignons
● Öl
● Sojamilch
● Mondamin

Zubereitung:
Die Kartoffeln müssen bereits abgekocht sein, sonst muss man sie zuvor noch kochen. Dann kann es aber losgehen:
Öl in die Pfanne gießen, heiß werden lassen, dann die Kartoffeln darüber zerdrücken (oder zuvor kleinschneiden), bisschen braten lassen, dann die Champignons dazu, wieder bisschen braten lassen, dann das Maggi-Kraut dazu, wieder bisschen braten lassen, dann das Antipastizeug dazu, noch ein bisschen braten lassen und dann, wenn man keine Lust mehr hat, einfach die Sojamilch drauf und die Mehlschwitze und dann eben kochen bis es schön sämig ist.

Anmerkung: Maggi ist eigentlich ein Markenname, diese grünen Blätter gibt es aber auch unter dem Namen Liebstöckel zu kaufen. Fragt einfach mal auf dem Gemüsemarkt oder im Supermarkt, die wissen dann bestimmt Bescheid. Ich finde zwar, dass das ganz normale Maggi am besten schmeckt, aber meine Frau legt in letzter Zeit immer wieder Wert auf frische Zutaten. Dann sagt sie so was wie: Wusstest du, dass Maggi teilweise aus Hühnerdreck besteht? Und ich suche dann wieder ewig im Internat nach Informationen, ob es stimmt. Voll viel von dem Zeug steht ja nicht mal im Internet, gerade bei so Inhaltsstoffen. Das kotzt natürlich auch mich an. Darum sehe ich es ja ein und kaufe dann gerne auch mal frische Sachen und verwende die für meine Gerichte. Warum nicht?

Die Jugendlichen

Jugendliche wirken in Gruppen oft bedrohlich auf Erwachsene. Das ist ganz normal und dafür braucht man sich als Erwachsener auch nicht zu schämen. Einzelne Jugendliche, und das kennt man eh, wirken dann wieder so schwach, dass man sich sofort vorstellt, wie leicht es wäre, die einfach zur Seite zu schubsen. Das macht man natürlich normalerweise nicht, weil es sich nicht gehört. Der gegenseitige Respekt ist wichtig. Bei den Jugendlichen besteht da aber oft ein Mangel. Die denken: Man kann den Erwachsenen nicht trauen. Und so verhalten sie sich dann auch: Misstrauisch, ablehnend, oftmals grob. Es gibt noch so ein Wort, das in dem Zusammenhang gerne verwendet wird: Die Jugendlichen sind „empathielos“. Das heißt, dass sie sich in Erwachsene gar nicht reinfühlen können bzw. wollen.
Zum Beispiel: Ich gehe ins Schwimmbad und höre schon bei den Umkleiden den Lärm, alles ganz junge Stimmen, und alles Mädchen, und außerdem hat irgendjemand voll sein Handy mit Musik aufgedreht, im Schwimmbad, das hatte ich zuvor noch nie erlebt. Einen Moment lang überlege ich also, ob ich einfach wieder umkehren soll, doch dann sehe ich es nicht ein, sondern ziehe es durch. Soll ich mich vertreiben lassen?
Ich komme also rein: Vier Mädchen schwimmen in vier Bahnen direkt auf mich zu! Ich gehe schnell unter die Dusche, dusche mich ab und wie ich da wieder rauskomme, machen sie alle gerade Rast, genau da wo man ins Schwimmbecken einsteigt. Ich denke: Scheiße, jetzt geht’s bestimmt gleich los mit den gemeinen Sprüchen: „Hey, glotz nicht auf unsere Titten, Opa!“ oder „Verzieh dich aus unserem Bad“ oder „Würdest wohl gern mal wieder ran, was?“ Solche Sachen. Gemeinheiten halt.
Ich reiße mich zusammen und sage: „Hallo“
Eines der Mädchen sagt: „Sollen wir die Musik ausmachen?“
Ich zucke zusammen, weil mir sofort alle möglichen Antworten durch den Kopf schießen. Wenn ich jetzt „ja“ sage, bin ich geliefert. Dann ruft nachher eine die Bullen an und behauptet, dass ich sie vergewaltigen wollte, unter der Dusche oder vor der Umkleide oder da bei den Kacheln so gegen die Wand gepresst. Das wäre so krass: Wenn die das macht, dann wäre ich plötzlich in einer übel beschissenen Situation. Ich will aber keinen Stress.
Ich sage: „Nee“
Das Mädchen sagt: „Danke“
Dann schwimme ich los, ganz am Rand, weil es ja eigentlich nur vier Bahnen gibt, oder sagen wir mal, viereinhalb. Also, es geht schon so.
Ich schwimme so, Runde um Runde, wie ich es gewohnt bin eigentlich, und da kommen mir langsam Gedanken. Ich habe wahrscheinlich gar keine schlechte Figur gemacht. Über die Zeit hat sich vermutlich auch bei mir eine gewisse natürliche Autorität entwickelt, die auf manche Jugendliche wirkt, ohne dass sie es richtig kapieren. Das sind dann meistens die mit einer besseren Erziehung. Oder aus einem besseren Elternhaus, wo die Elten auch Autorität haben. Bei den Jugendlichen sind nicht alle gleich. Das ist wie bei den Ausländern. Die sind auch nicht alle gleich. Im Gegenteil: Ausländer sind das Normalste von der Welt. Im Grunde genommen genauso wie Jugendliche. Erinnert Ihr Euch an mein Rezept Apéritif chocolat noir à la marmelade de cerise? Da war die Schokolade, die ich noch da hatte, schon ein bisschen älter und darum waren darauf so migrierte Kakaobutterfraktionen. Wenn Schokolade ein bisschen liegt, wird sie davon nicht schöner, aber, wie ich finde, besser. Wie Wein, der wird ja auch besser. Jedenfalls sieht das ein bisschen schimmlig aus, obwohl es gar nicht schlimm ist, sondern sogar eher lecker. Das ist bei den Ausländern nicht anders. An Schokolade merkt man, dass Migration ein ganz normaler Vorgang ist. Also sagt nicht immer, dass die Ausländer scheiße sind. Das ist ganz normal, dass die Menschen sich irgendwie über die Welt verteilen und ausbreiten und irgendwie verschieden aussehen. Ich finde die deswegen auch nicht alle gut. Die Jugendlichen finde ich auch nicht alle gut (bestimmt nicht!), obwohl es mich dann auf einmal doch interessiert hat, wie die neben mir schwimmen und das alles, und dann habe ich halt versucht, manchmal einen Blick rüber zu werfen. Ich habe es sogar ziemlich oft versucht, weil es irgendwie nicht richtig geklappt hat. Das ist so krass manchmal. Letztens habe ich den Mauszeiger auf dem Bildschirm nicht mehr gesehen. Auf einmal war er weg, dann war er wieder da! Aber gut, zurück zur Sache:
Endlich steigen alle Vier aus dem Becken und ich sehe, dass eine recht pummelig ist und eine, die mit der Badehaube, recht sportlich. Die anderen zwei sind normal, eine davon sogar gar nicht schlecht, so weit ich das erkennen kann. Dann duschen sie und es duftet alles nach Shampoo. Danach gehen sie in die Umkleide. Kichernd und alles. Ich sehe außerdem, dass eine ihre Schwimmbrille am Beckenrand vergessen hat.
Weil es schon fast halb neun ist, steige auch ich aus dem Becken. Ich dusche und gehe in die Umkleide. Natürlich in eine andere, weil es gibt ja zwei Umkleiden, eine für Männer und eine für Frauen. Ich bin viel schneller als die Mädchen mit Abtrocknen und Umziehen und allem und deswegen treffen wir uns plötzlich nochmal im Zwischenraum, angezogen und alles, und ich sage: „Sorry, ey, aber da hat wahrscheinlich jemand von euch die Schwimmbrille liegen lassen, da liegt eine unten am Beckenrand.“
Und dann sagte eine von denen: „Danke für die Information.“
Und eine andere geht runter und schaut und kommt zurück und sagt: „Da liegt keine.“ Und jetzt stehe ich auf einmal wie blöd da, weil sie denken, dass ich nur mit ihnen ins Gespräch kommen will. Dabei wollte ich zuerst gar nichts sagen, dass war nur, weil wir uns zufällig nochmal getroffen haben, da im Mittelraum oder Zwischenraum. Was juckt mich, ob die ihre Schwimmbrille vergisst? Soll sie sich halt eine neue kaufen. So viel kosten die Dinger auch nicht. Und das sage ich dann auch: „Was juckt mich eure Schwimmbrille!“ Und dann ziehe ich ab, alle sind still, und wie ich schon draußen im Gang bin, höre ich, wie alle auf einmal lachen! Diese hässlichen Scheißgören! Irgendwann sind sie selber keine Jugendlichen mehr und dann sehen sie wie das ist.