Die Jugendlichen

Jugendliche wirken in Gruppen oft bedrohlich auf Erwachsene. Das ist ganz normal und dafür braucht man sich als Erwachsener auch nicht zu schämen. Einzelne Jugendliche, und das kennt man eh, wirken dann wieder so schwach, dass man sich sofort vorstellt, wie leicht es wäre, die einfach zur Seite zu schubsen. Das macht man natürlich normalerweise nicht, weil es sich nicht gehört. Der gegenseitige Respekt ist wichtig. Bei den Jugendlichen besteht da aber oft ein Mangel. Die denken: Man kann den Erwachsenen nicht trauen. Und so verhalten sie sich dann auch: Misstrauisch, ablehnend, oftmals grob. Es gibt noch so ein Wort, das in dem Zusammenhang gerne verwendet wird: Die Jugendlichen sind „empathielos“. Das heißt, dass sie sich in Erwachsene gar nicht reinfühlen können bzw. wollen.
Zum Beispiel: Ich gehe ins Schwimmbad und höre schon bei den Umkleiden den Lärm, alles ganz junge Stimmen, und alles Mädchen, und außerdem hat irgendjemand voll sein Handy mit Musik aufgedreht, im Schwimmbad, das hatte ich zuvor noch nie erlebt. Einen Moment lang überlege ich also, ob ich einfach wieder umkehren soll, doch dann sehe ich es nicht ein, sondern ziehe es durch. Soll ich mich vertreiben lassen?
Ich komme also rein: Vier Mädchen schwimmen in vier Bahnen direkt auf mich zu! Ich gehe schnell unter die Dusche, dusche mich ab und wie ich da wieder rauskomme, machen sie alle gerade Rast, genau da wo man ins Schwimmbecken einsteigt. Ich denke: Scheiße, jetzt geht’s bestimmt gleich los mit den gemeinen Sprüchen: „Hey, glotz nicht auf unsere Titten, Opa!“ oder „Verzieh dich aus unserem Bad“ oder „Würdest wohl gern mal wieder ran, was?“ Solche Sachen. Gemeinheiten halt.
Ich reiße mich zusammen und sage: „Hallo“
Eines der Mädchen sagt: „Sollen wir die Musik ausmachen?“
Ich zucke zusammen, weil mir sofort alle möglichen Antworten durch den Kopf schießen. Wenn ich jetzt „ja“ sage, bin ich geliefert. Dann ruft nachher eine die Bullen an und behauptet, dass ich sie vergewaltigen wollte, unter der Dusche oder vor der Umkleide oder da bei den Kacheln so gegen die Wand gepresst. Das wäre so krass: Wenn die das macht, dann wäre ich plötzlich in einer übel beschissenen Situation. Ich will aber keinen Stress.
Ich sage: „Nee“
Das Mädchen sagt: „Danke“
Dann schwimme ich los, ganz am Rand, weil es ja eigentlich nur vier Bahnen gibt, oder sagen wir mal, viereinhalb. Also, es geht schon so.
Ich schwimme so, Runde um Runde, wie ich es gewohnt bin eigentlich, und da kommen mir langsam Gedanken. Ich habe wahrscheinlich gar keine schlechte Figur gemacht. Über die Zeit hat sich vermutlich auch bei mir eine gewisse natürliche Autorität entwickelt, die auf manche Jugendliche wirkt, ohne dass sie es richtig kapieren. Das sind dann meistens die mit einer besseren Erziehung. Oder aus einem besseren Elternhaus, wo die Elten auch Autorität haben. Bei den Jugendlichen sind nicht alle gleich. Das ist wie bei den Ausländern. Die sind auch nicht alle gleich. Im Gegenteil: Ausländer sind das Normalste von der Welt. Im Grunde genommen genauso wie Jugendliche. Erinnert Ihr Euch an mein Rezept Apéritif chocolat noir à la marmelade de cerise? Da war die Schokolade, die ich noch da hatte, schon ein bisschen älter und darum waren darauf so migrierte Kakaobutterfraktionen. Wenn Schokolade ein bisschen liegt, wird sie davon nicht schöner, aber, wie ich finde, besser. Wie Wein, der wird ja auch besser. Jedenfalls sieht das ein bisschen schimmlig aus, obwohl es gar nicht schlimm ist, sondern sogar eher lecker. Das ist bei den Ausländern nicht anders. An Schokolade merkt man, dass Migration ein ganz normaler Vorgang ist. Also sagt nicht immer, dass die Ausländer scheiße sind. Das ist ganz normal, dass die Menschen sich irgendwie über die Welt verteilen und ausbreiten und irgendwie verschieden aussehen. Ich finde die deswegen auch nicht alle gut. Die Jugendlichen finde ich auch nicht alle gut (bestimmt nicht!), obwohl es mich dann auf einmal doch interessiert hat, wie die neben mir schwimmen und das alles, und dann habe ich halt versucht, manchmal einen Blick rüber zu werfen. Ich habe es sogar ziemlich oft versucht, weil es irgendwie nicht richtig geklappt hat. Das ist so krass manchmal. Letztens habe ich den Mauszeiger auf dem Bildschirm nicht mehr gesehen. Auf einmal war er weg, dann war er wieder da! Aber gut, zurück zur Sache:
Endlich steigen alle Vier aus dem Becken und ich sehe, dass eine recht pummelig ist und eine, die mit der Badehaube, recht sportlich. Die anderen zwei sind normal, eine davon sogar gar nicht schlecht, so weit ich das erkennen kann. Dann duschen sie und es duftet alles nach Shampoo. Danach gehen sie in die Umkleide. Kichernd und alles. Ich sehe außerdem, dass eine ihre Schwimmbrille am Beckenrand vergessen hat.
Weil es schon fast halb neun ist, steige auch ich aus dem Becken. Ich dusche und gehe in die Umkleide. Natürlich in eine andere, weil es gibt ja zwei Umkleiden, eine für Männer und eine für Frauen. Ich bin viel schneller als die Mädchen mit Abtrocknen und Umziehen und allem und deswegen treffen wir uns plötzlich nochmal im Zwischenraum, angezogen und alles, und ich sage: „Sorry, ey, aber da hat wahrscheinlich jemand von euch die Schwimmbrille liegen lassen, da liegt eine unten am Beckenrand.“
Und dann sagte eine von denen: „Danke für die Information.“
Und eine andere geht runter und schaut und kommt zurück und sagt: „Da liegt keine.“ Und jetzt stehe ich auf einmal wie blöd da, weil sie denken, dass ich nur mit ihnen ins Gespräch kommen will. Dabei wollte ich zuerst gar nichts sagen, dass war nur, weil wir uns zufällig nochmal getroffen haben, da im Mittelraum oder Zwischenraum. Was juckt mich, ob die ihre Schwimmbrille vergisst? Soll sie sich halt eine neue kaufen. So viel kosten die Dinger auch nicht. Und das sage ich dann auch: „Was juckt mich eure Schwimmbrille!“ Und dann ziehe ich ab, alle sind still, und wie ich schon draußen im Gang bin, höre ich, wie alle auf einmal lachen! Diese hässlichen Scheißgören! Irgendwann sind sie selber keine Jugendlichen mehr und dann sehen sie wie das ist.

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