Grüner Star

Ich war bei dem Nachholtermin und zuerst hat die Augenärztin so komisch rumgetan und dann wollte sie noch was schauen und noch was schauen und dann hat sie auf einmal lauter Fachbegriffe verwendet und ihre Helferin hat aufgeschrieben und aufgeschrieben und ich habe nichts verstanden, aber dann hat sie irgendwas von wegen grüner Star gesagt, und ich dachte, okay, das kommt mir bekannt vor, wegen grauer Star, das kennt man, das ist bekannt, das haben viele, das ist nicht so schlimm, das kann man operieren, wenn man überhaupt operieren muss, aber dann irgendwann, ich hatte inzwischen schon ein ganz schlechtes Gefühl, hat sie, also die Ärztin mir erklärt, dass grüner Star voll schlimm ist, weil man davon blind wird und ich so: „Okay, irgendwann als Opa oder was?“ Und sie so, druckst erst so rum und dann schließlich, ich habe es fast nicht mehr ausgehalten, weil ich beinahe schon heulen hätte müssen, aber dann meinte sie so, dass ich vielleicht nächstes Jahr um die Zeit schon nichts mehr sehe, dass das schon fortgeschritten ist bei mir und dass das schnell geht, dass das auch andere haben und ob ich mit jemanden spreche möchte, einem Psychologen oder was, und lauter so Zeug. Ich wollte aber überhaupt niemanden sprechen, ich bin sofort heim. Ich habe Facebook angemacht und da voll viele Leute angeklickt, also „Freund/in hinzufügen“ geklickt, wie jeden Tag, und Sachen mit „Gefällt mir“ markiert und immer wieder runter gescrollt und die Seite aktualisiert, damit ich die neuesten Beiträge sehen kann, und das hat mich zuerst ein bisschen beruhigt, aber dann wurde es plötzlich um so schlimmer, weil ich dachte, dass ich das jetzt bald alles gar nicht mehr sehen kann, gar nichts davon, und dass es besser wäre, wenn das jemand anders passieren würde, irgendwem von den Leuten auf dem Bildschirm, und dass ich dann gar nichts mehr sehen kann, auch nicht mit Brille, und dass ich es noch meiner Frau sagen muss, dass das alles voll schlimm wird und dass jetzt alles egal ist, und dann dachte ich, okay, wenn alles egal ist, kann ich jetzt einfach machen, was ich will, aber dann ist mir nichts eingefallen, und ich habe versucht, durchzuatmen und dann habe ich noch eine Stunde oder so bei Facebook weitergemacht und manchmal zu heulen angefangen. Ich habe mich vor den Spiegel gestellt. Ich habe mir dann irgendwelche Pornos angeschaut, obwohl ich das schon ewig nicht mehr gemacht habe, weil das zu unserem Treuegelöbnis gehört hat damals, und dann hatte ich ein schlechtes Gewissen, und dann dachte ich an die Freimaurer, wie gut es die alle haben, und wie gut es überhaupt alle haben, und ich habe mir überlegt, dass ich Schnaps kaufen könnte, aber dann hatte ich plötzlich Angst, dass wenn ich jetzt zu trinken anfange, dass ich dann gar nicht mehr aufhören kann, also vielleicht gar nicht mehr, und wenigstens meine Frau wollte ich noch einmal nüchtern sehen, und dann habe ich also gewartet, bis sie aus der Arbeit heimkommt, und als es dann so weit war, habe ich mich ewig nicht reden trauen, und dachte, dass es am besten wäre, wenn sie es einfach schon wüsste, ohne dass ich es ihr sagen muss, und dann habe ich es ihr doch gesagt und dann hat sie es mir nicht geglaubt und dann habe ich gebrüllt: „Spinnst du, ruf doch bei der Ärztin an!!!“, und dann hat sie einen Moment lang so ausgesehen, als ob sie gleich heult, aber dann plötzlich wieder nicht, dann hat sie einfach nur gesagt: „Okay.“ Und dann nichts mehr, dann war es plötzlich mucksmäuschenstill. Und ich so: „Wie okay? Willst du bei der Ärztin anrufen?“ Und sie so: „Nö“ Und ich: „Was meinst du dann mit okay?“ Und sie: „Okay, dann bist du jetzt bald blind.“

Ein Gedanke zu “Grüner Star

  1. Ich will das nich „liken“, aber ich will es kommentieren. Ich wollte es schon vor ein paar Tagen, aber da habe ich mich noch nicht so getraut und gedacht, das wird schon jemand anderes tun.
    Das tat aber niemand, das wiederum finde ich fast unglaublich. Ich muss es aber glauben, weil ich jetzt den ersten Kommi schreibe.
    Leider bin ich nicht so eine Art Mensch, der anderen Wünschen entgegenschleudert, es sei denn, ich weiß, dass sie wahr werden. Das fängt beim „Guten Morgen“ schon an und endet dann bei deiner Geschichte. Die Hoffnung stirbt aber bekanntlich zuletzt, von daher entsende ich die dir jetzt.

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