Wiedersehen mit den Eltern

Von meinem Mundgeruch am Morgen könnte ich kotzen. Wenn ich dann losbürstle spucke ich immer sofort ein paar Portionen aus, weil ich wirklich fast kotzen muss. Außerdem stelle ich mir beim Putzen inzwischen täglich vor, wie es wäre, wenn ich statt der Zahnbürste einen weichen oder harten Schwanz in den Mund bekäme, oder einen, der gerade hart wird. Frauen wissen alle, wie sich so was anfühlt, für die ist das nichts Besonderes. Die meisten Männer aber wissen überhaupt nicht, wie das ist. Ist doch irgendwie schräg.

Ich habe ein hartes Wochenende hinter mir.
Ich wusste schon länger im voraus davon, aber ich habe nichts davon geschrieben, weil es eigentlich niemanden was angeht. Ich habe per Post eine Einladung zum Geburtstag meiner Mama bekommen, und danach hat sie angerufen und gefragt, ob ich komme. Ich gehe normalerweise gar nicht mehr ans Telefon, aber weil es eigentlich nie klingelt, habe ich nicht dran gedacht und bin rangegangen und habe auch zugesagt, dass ich komme.
Der Weg ist total weit und darum komme ich zu normalen Geburtstagen nicht, aber weil es eben der sechzigste war und so weiter. Deswegen bin ich am Samstag 8 Stunden ICE gefahren. Das war so krass, allein die Fahrt schon. Da hocken echt nur Arschlöcher im ICE, so Anzugwichser. Die sehen alle gleich aus, und die Frauen sind uralt. Ich weiß, das macht nichts, wenn man uralt ist. Meine Mama ist ja jetzt auch schon sechzig, darum ist es halt ein bisschen komisch. Normalerweise muss ich über so was überhaupt nicht nachdenken, aber manchmal eben schon.
Beim Aussteigen roch alles nach Herbst und Schulanfang. Ich wurde dann vom Bahnhof abgeholt, von der Mama. Der Papa ist daheim geblieben. So um sechs abends waren wir dann alle zusammen. Wir sind am Küchentisch gesessen. Ich hätte so wahnsinnig gern ein Bier gehabt. Ein Bier hätte schon gereicht. Aber ich wusste, dass ich keines bekommen kann. Darum habe ich mich innerlich beruhigt, das kann jeder, der sich ein bisschen zusammenreißt. Dafür reicht normale Selbstbeherrschung. Ich habe dann auch die Briefe gesehen, die auf dem Küchentisch liegen. Der ganz oben drauf war von der Stadt. Ich habe im Zug schon dran gedacht, und mir überlegt, dass ich am Sonntag auch wählen gehen könnte, aus Nostalgie so ein bisschen, weil ich halt Gerhard Schröder immer so cool fand, und eigentlich immer noch cool finde, wenn mal was über ihn steht irgendwo. Aber mein Vater ist mir zuvorgekommen, das war klar, dass er gleich davon anfängt. Da hatte ich dann schon gar keinen Bock mehr drauf. Wie er seine Hand auf den Brief gelegt hat und ganz ruhig und freundlich meinte, dass ich morgen meiner Bürgerpflicht nachkommen darf. Wie er das schon gesagt hat, dass ich das „darf“. Ich war inzwischen schon richtig schwitzig, ich habe nur gesagt: „Ich gehe nie zum Wählen.“
Das stimmt nämlich auch. Ich kann aber auch nicht, weil ich immer noch bei meinen Eltern gemeldet bin. Das ist offiziell mein Hauptwohnsitz, auch wenn ich nie da bin.
„Dann gehst du morgen“, meinte mein Papa, immer noch ganz ruhig und freundlich, aber so bestimmerisch, wie man es nicht hören kann, wenn man es nicht weiß.
Ich bin innerlich wütend geworden, darum habe ich ebenfalls ganz ruhig gesagt: „Deutschland ist mir scheißegal.“
Und mein Papa dann: „Wer so was sagt, ist ein Vaterlandsverräter.“
Und ich: „Na und?“
Und er: „Willst du das sein?“
Und ich: „Nein.“

Mein Mama ist natürlich nur daneben gesessen.

Also bin ich am nächsten Tag zur Wahl gegangen. Ich wollte ja vielleicht eh. Und als ich dann da so saß in der Kabine und gerade die SPD ankreuzen wollte, habe ich doch die AfD gewählt. Ich weiß auch nicht, warum. Weil man in letzter Zeit einfach ständig von denen gehört hat. Überall hieß es immer AfD, AfD. Überall, egal auf welcher Seite. Außer auf den Pornoseiten. Und sogar da einmal oder zweimal. Wahrscheinlich habe ich sie deswegen gewählt. Ich weiß nicht, warum. Es hat mir danach auch voll leid getan, weil ich es einfach nicht gewollt hab. Ich hatte auf dem Heimweg richtig Schiss vor den Hochrechnungen, aber als sie dann im Fernsehen die Ergebnisse gebracht haben, war ich erleichtert, weil die SPD trotz allem die stärkste Kraft geblieben ist und die AfD nicht regierungsfähig ist, weil niemand mit ihr koalieren möchte.

Den Geburtstag haben wir dann zu fünft verbracht mit Oma und Opa. Die sind zu Besuch gekommen und wir haben am Wohnzimmertisch Kuchen gegessen. Ich wäre am liebsten schon im Zug gewesen, dann hätte ich mir im Bordbistro für 5 Euro ein Bier gekauft und wäre aufs Klo zum Wichsen gegangen. Und dann hätte ich mir für nochmal 5 Euro nochmal ein Bier gekauft, scheiß drauf.
Aber wir saßen einfach nur blöd beim Kuchen und nichts war cool, und dann hat mein Papa plötzlich gefragt: „Magst du ein Bier?“ Und ich habe zuerst gedacht, er meint den Opa, aber er hat mich gemeint, und ich wollte zuerst schon den Kopf schütteln, habe dann aber doch gesagt: „Ja, okay.“ Und dann ist er aufgestanden und hat mir eines gebracht und die Mama hat so schockiert geschaut, das hat mich natürlich genervt. Auch dass ich es so langsam trinken musste, obwohl ich es am liebsten in einem Mal runtergestürzt hätte. Oma und Opa ist nichts davon aufgefallen. Die wissen eh nicht mehr viel. Als das Bier leer war, hat mein Papa zuerst so streng geschaut und dann gefragt, ob es noch eines sein darf. Und dann hat er auf einmal so ermunternd dazu gesagt: „Komm schon, ich trinke auch eines mit!“ Und deswegen habe ich wieder gesagt: „Ja, okay.“ Und dann haben wir eben zusammen Bier getrunken, mein Papa und ich, und mit der Zeit habe ich mir dann gedacht, dass ich meinem Papa von „Kochen mit Peter“ erzählen könnte. Oder von der Hochzeit. Aber dann habe ich mich schnell eines Besseren besonnen. Das war nur das Bier, das meine Nerven beruhigt hat. Das geht meine Eltern alles nichts an. Wenn das große „Kochen mit Peter“-Buch dann voll durch die Decke geht und ich erfolgreich und berühmt bin, können sie es von mir aus auch wissen, aber erst mal will ich das für mich behalten. Das ist besser so. Jeder hat sein eigenes Leben. Niemand braucht sich beim anderen einmischen.
Nach dem zweiten Bier war dann auch Schluss und der Geburtstag ging übelst zäh zu Ende. Ich habe mich richtig auf Zuhause gefreut. Meine Mama hat dann auch noch so geseufzt, lange nachdem schon alles abgeräumt war, und gesagt: „Jetzt trinkt unser Junge auch schon Bier.“ Und noch mehr so Blödsinn geredet, ganz gedankenverloren. Dass die Zeit so schnell vergeht. Und das alles so schnell vergeht. Und dass wir nicht ewig leben. Und ich hätte mir am liebsten eine Tüte über den Kopf gezogen oder mir die Ohren zugehalten. Und in der Nacht habe ich dann auch noch was aus dem Schlafzimmer gehört.

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