Ein Freund

Die Krähen machen mich fertig. Langsam wird es kälter draußen, aber mir ist es trotzdem immer heiß, und die Krähen hören nicht auf zu schreien, und jeden zweiten Tag kommt von irgendwoher diese Affenmusik. Ich kann gar nicht genau sagen, von wo. Vielleicht von den Nachbarn, die sind eh so musikalisch. Zuerst klingt es immer als käme sie von weiter weg, aber dann schaue ich im Internet nach, ob es schon wieder irgendwo was zu feiern gibt und dann finde ich meistens nichts. Und außerdem wird es manchmal lauter und leiser oder mitten im Lied wird zum nächsten Lied geschaltet, das müssen Privatleute sein. So einen Scheiß gibt es dann bei öffentlichen Veranstaltungen auch wieder nicht, obwohl wer weiß. Die Leute merken oft gar nicht, wie scheiße sie herummurksen.

Zu Silvester gehen wir dieses Jahr nirgends hin. Da wo wir letztes Jahr waren eh nicht, und sonst aber auch nirgends. Von den meisten Leuten hört man eh nie wieder was.
Ich hatte genau einmal einen richtigen Freund.
Damals war ich gerade hergezogen und deshalb dachte ich, dass ich ja mal spazieren gehen kann. Um mir alles anzuschauen, und dann bin ich ein Café oder eine Kneipe gegangen und saß da ein bisschen rum und dann haben wir uns kennengelernt. Wir sind einfach so ins Gespräch gekommen. Die Unterhaltung war dann ganz cool, und deshalb haben wir gleich ziemlich viel getrunken und danach ist er sogar noch mit zu mir gekommen und wir haben noch was von der Tanke mitgenommen, und am nächsten Morgen zum Frühstück haben wir gleich wieder was getrunken. „Konterhalbe“, hat er gesagt, und das fand ich so lustig, auch weil es so gut gepasst hat und ich das zuvor noch nie gehört hatte. Wir haben das dann noch an zwei oder drei Wochenenden gemacht, einfach so getroffen. Ich bin auch mal zu ihm gekommen, und er hat gesagt: „Fühl dich wie zu Hause, das ist ganz normal.“ Also, dass ich mir alles nehmen darf, hat er gemeint, wenn ich Lust auf ein Bier habe oder auf ein Brot mit irgenwas drauf. Das war zuerst ungewohnt, aber ich habe mich von seiner lockeren Art anstecken lassen. Und dann war wirklich alles ganz normal. Ich habe mir einfach was aus der Küche geholt, wenn ich Bock hatte, und es war die ganze Zeit lustig. Ich habe einfach ein Messer aus der Schublade genommen und Senf aus dem Kühlschrank fürs Brot, und als ich den Senf zurückstellen wollte, kam er gerade vom Klo und meinte: „Lass doch einfach draußen stehen, ist doch scheißegal, so schnell wird Senf nicht schlecht, bloß weil er draußen steht, und wenn doch ist es auch scheißegal, prost!“ Und dann haben wir angestoßen, wir haben eh die ganze Zeit angestoßen, das war einfach immer wieder lustig. Ich weiß auch nicht wieso, war es einfach.
Und dann bin ich einmal zu ihm gekommen und er meinte, dass wir gleich noch wo hingehen, zu ein paar Kumpels von ihm, und da wäre ich am liebsten gleich wieder heimgegangen, aber das kann man ja auch nicht bringen. „Die sind auch alle cool“, höre ich ihn noch sagen. „Die sind locker, keine Sorge.“ Also sind wir eben hin. Und ich war recht still an dem Abend, weil die anderen so viel geredet haben, aber ich habe genauso mitgetrunken und auch angestoßen, es gab mehrere Kisten Bier, und der Gastgeber, also einer von diesen Kumpels, hat nie was gesagt, wenn ich mir eines genommen habe. Ein bisschen komisch angeschaut hat er mich, aber ich wusste nicht warum. Ich habe mir überlegt, dass er vielleicht neidisch ist, weil ich jetzt auch mit seinem Kumpel befreundet bin, aber dann dachte ich wieder, dass es vielleicht doch nicht stimmt.
Irgendwann habe ich dann Hunger bekommen und dann bin ich ganz normal aufgestanden, wie zuvor auch schon öfters, wenn ich aufs Klo musste, nur dass ich halt in die Küche gegangen bin, die gleich neben dem Klo war, und da habe ich mir einen Toast genommen und wollte gerade schauen, was es noch gibt, da stand der Typ plötzlich hinter mir. Total wütend, richtig schnaubend. Der hat sich angeschlichen und dann nur so gemeint: „Aha!“ Und dann hat er mich am Kragen gepackt und in den Raum mit den anderen gezerrt. Ich hatte immer noch die Scheibe Toast in der Hand. Ich habe plötzlich richtig gezittert. Und dann ruft er so, dass es alle hören, bestimmt fünf, sechs Leute: „Schaut euch den an!“ Und alle schauen mich an. „Geht einfach in die Küche und nimmt sich! Wie lange kennen wir uns jetzt? Weißt du überhaupt wie ich heiße? Was fällt dir ein in meine Küche zu gehen und dir einfach zu nehmen?“ Und dann wieder zu den anderen: „Glaubt ihr das? Für wen hält der sich?“
Zuerst war es still, dann hat mein Freund gesagt: „Komm schon, beruhige dich. Ist doch nicht so schlimm.“
Und dann der Gastgeber wieder: „Nicht so schlimm? Nicht so schlimm!!? Was ist das für ein Arschloch? Kommt in mein Haus, trinkt mein Bier, sagt nicht einmal danke, sagt eh nichts … was bildet der sich ein? Der Typ ist nicht mein Freund! Denkt er, er wäre mein Freund?“ Und zu mir, während er mich schüttelt: „Denkst du, du wärst mein Freund? Beklaut man seine Freunde!?“ Und dann wieder an alle: „Nimmt man sich einfach ohne zu fragen!? Macht man das!? Nein! Weil das ist klauen!! Geklaut wird nicht in meinem Haus!!!“ Und dann ließ er mich plötzlich los. Ich wusste nicht, was ich machen soll. Dann hat er gesagt: „Setz dich.“ Und ich bin zu meinem alten Platz gegangen und habe mich hingesetzt. Ich hatte plötzlich überhaupt keinen Hunger und keinen Durst mehr und konnte mir gar nicht vorstellen, jemals wieder welchen zu haben. Die Runde war dann schnell wieder lauter. Ich habe an dem Abend noch ein, zwei Mal zum Gastgeber hingeschaut, aber dann nicht mehr, weil ich nicht riskieren wollte, dass sich unsere Blicke treffen.
Irgendwann ist mein Freund eingepennt, aber dann hat ihn zum Glück jemand aufgeweckt und wir sind gegangen. Unten vorm Haus haben wir uns dann verabschiedet. Es war nur ein Mietshaus mit mehreren Wohnungen, der Gastgeber hatte auch nur so eine Wohnung. Es war gar nicht sein Haus, nur seine Wohnung. Und der Freund meinte dann: „Mach dir nichts draus.“ Und dann ist jeder zu sich nach Hause gegangen. Er hat dann noch zwei, drei Mal angerufen, aber da bin ich nicht rangegangen. Danach habe ich nichts mehr von ihm gehört. Nie wieder. Er hat dann auch nicht nochmal angerufen. Er hat es einfach sein lassen. Und das war es dann mit der Freundschaft. So schnell kann das gehen.
Manchmal denke ich, was gewesen wäre, wenn wir an dem Abend nicht zu seinen Kumpels gegangen wären. Oder wenn wir die einzigen Kumpels gewesen wären und sonst beide keine gehabt hätten. Vielleicht wären wir dann immer noch gemeinsam unterwegs. Aber so ist es halt nicht und seitdem kann ich auf so was auch genauso gut verzichten.

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