Andere Leute

Zu Leuten, die meine Frau kennt, gehen wir an Silvester auch nicht. Nur falls da Unklarheit bestanden haben sollte. Wir haben das ausdiskutiert.
„Du hast so einen scheiß Charakter“, wurde ich während der Diskussion beschuldigt, aber ich habe nur gesagt: „Wenigstens verhalte ich mich nicht wie jemand mit einem scheiß Charakter!“ Das hat sie eingesehen, dass das Sinn ergibt. Das hat sie kapiert. „Wenn einer hundert Mal am Tag darüber nachdenkt, einer alten Dame über die Straße zu helfen, es aber kein einziges Mal tut“, habe ich gesagt, „dann hat er vielleicht edle Gedanken, aber wem bringen die was?“ Darauf hat sie nicht dagegen geredet. Nicht dagegen geredet heißt i.d.R. einverstanden oder kapiert oder jedenfalls was für mich annehmbares. Ich also weiter: „Anderes Beispiel: Jemand überlegt sich hundert Tage, dass er seine Rezepte aufschreiben und mit anderen Leuten teilen könnte, weil das den Leuten eine Freude macht und die Gesellschaft bereichert, dann ist er aber jeden einzelnen Tag zu faul dafür und am hundertersten Tag auch noch. Und rate mal, was am hundertzweiten passiert? Nichts natürlich. Zu faul, nichts dahinter, hinter den guten, edlen Gedanken. Die haben also meinetwegen alle einen guten Charakter, aber wem bringt das was? Wenn sich einer denkt: Die alte Dame, das Biest, von mir aus soll sie vom Lastwagen überrollt werden! Und dann aber hingeht und ihr trotzdem über die Straße hilft, wer hat dann was davon? Die alte Dame! Und die Leute, die die gute Tat sehen! Weil sie vollbracht wurde! Die sind gerührt und gehen mit einem guten Gefühl nach Hause. Vielleicht machen sie es sogar mal nach, und dann gehen noch mehr Leute mit einem guten Gefühl nach Hause und machen ihrem Ehepartner deswegen vielleicht was schönes zum essen, und wer weiß, vielleicht gelingt dem ein oder anderen so ein tolles Essen, dass er sogar einen Blog aufmacht, mit dem Rezept, und dann noch einem und noch einem … und die Rezepte machen dann wieder den Leuten solche Freude, dass sie vielleicht für andere was Gutes tun. TUN! Verstehst du? Nicht darüber nachdenken und sich dann noch toll vorkommen, wegen dem guten Charakter. Guter Charakter, das ich nicht lache!“ So eine Ansprache wirkt natürlich, sogar bei meiner Frau. Logik kommt einfach an. Darum mache ich weiter: „Klar gibt es welche, die haben beides, edle Gedanken und edle Taten. Aber wie viele sind das? Und wie oft kommt das vor, dass das jemand bis zu seinem Tod durchzieht? Da bleibt am Ende fast keiner übrig, irgendwann mischen sich immer unedle Gedanken drunter. Und wenn es nur kurz ist. Und dann nochmal kurz. Das geht so schnell. Und dann auf einmal, wie ließe sich da noch von einem guten, also einem wirklich guten Charakter sprechen? Wenn erst mal so was und so was gedacht wurde. Sag mir das mal, sag es mir!“ Und darauf hat sie auch nichts gesagt, und damit war die Diskussion beendet. Silvester bleiben wir also zu Hause. Oder egal was wir machen. Jedenfalls nichts mit anderen Leuten.

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