Besuch

Ich hatte zumindest eine Unterhosen an, obwohl es auch scheißegal gewesen wäre, wenn nicht. Jedenfalls stand ich im Gang, da ging die Tür auf: Meine Frau und irgend so ein Typ. Kollege so und so aus der Arbeit, sagt sie, schleift den Typ hinter sich her ins Zimmer und sperrt die Zimmertüre ab. Ich checke es erst gar nicht, drücke aber sofort die Klinke runter. Die Zimmertür geht aber nicht auf, weil sie abgesperrt ist. Ich also: „Was soll der Scheiß!?“ Und nochmal: „Was soll der Scheiß!!?“ Beim zweiten Mal habe ich es schon richtig gebrüllt. Es war mir egal, was der Typ für einen Eindruck von mir bekommt. „Komm sofort da raus!“, habe ich geschrien. „Zusammen mit diesem beschissenen Wichser!“ Der Typ war so ein klassisches Muskelarschloch, der darf einen wie mich eh nicht schlagen. Das ist sonst schwere Körperverletzung. Ich poltere also gegen die Zimmertür. Keine Reaktion. Nichts zu hören. Ich laufe also auf dem Gang hin und her, laufe in den Schlauch und wieder raus. Zwei Minuten oder so ist nichts zu hören. Dann geht es auf einmal los: Voll das Brüllen und die Bettpfosten und die quietschende Matratze, und die Bettpfosten schlagen gegen die Wand! Und meine Frau stöhnt so laut, wie es sich schon nicht mehr normal anhört! Mir wird schwarz vor Augen, aber nur für ein paar Sekunden, dann geht es wieder. Der Typ röhrt so richtig schlimm, wie ein Hirsch, nein schlimmer, so richtig grausam, so wie ich es noch nie gehört habe! Ich selber habe noch nie in meinem Leben so geröhrt! Nicht einmal! Ich gehe hin und her, schlage gegen die Tür, schlage gegen die Wand. Drinnen geht es nur noch ab. Ich sehe es nicht, aber es ist ganz klar: die ficken! Nichts anderes! Wenn ich meine Machete beim Umzug nicht weggeschmissen hätte, würde ich jetzt die Tür damit eingeschlagen. Das weiß meine Frau, dass ich die nicht mehr habe. Ich wollte sie nicht wegschmeißen. Sie war es, die gesagt hat, dass ich das Teil nicht mehr brauche. Vielleicht wusste sie da schon, worauf das alles hinausläuft, die Sau! „Raus da!!!“, schreie ich wieder. Ich versuche, die Tür mit Händen und Füßen einzuschlagen. Ich zittere am ganzen Körper vor Wut, so richtig vor Wut. Aus dem Schrank nehme ich mir eine volle Flasche Schnaps und ziehe die Hälfte davon auf einmal runter. Für einen Moment bekomme ich davon nochmal Kraft, dann trinke ich wieder, noch mal so einen starken Zug und dann weiß ich nicht mehr, was passiert.

Wie ich wieder zu mir komme, liege ich im Schlauch. Alles still. Ich stehe auf und falle gleich wieder um. Gleichgewichtsproblem, das kenne ich schon. Ich tue mir auch nicht weh. Ich merke, dass ist fast nichts sehe. Morgens ist das oft so, aber nach ein paar Minuten sehe ich dann wieder. Normalerweise. Jetzt irgendwie nicht so richtig. Die Tür zum Zimmer meiner Frau steht auf. Niemand da. Alles ist so eingetrübt, so arg wie ich es gar nicht kenne. Scheiße, es geht auch nicht mehr weg. Jetzt ist es immer noch nicht weg. Vorhin habe ich versucht, mich deswegen zu beruhigen. Im Schnaps war aber nur noch ein ganz kleiner Schluck. Ich bin in den Schlauch und da saß ich dann und habe versucht, wieder besser zu sehen. Es wird einfach nicht besser. Es ist eine Stunde rumgegangen, draußen war es dann fast ganz dunkel. Dann plötzlich kommt meine Frau heim, allein, das höre ich. Knallt aber sofort die Türe hinter sich zu und sperrt sich ein, noch bevor ich sie zu Gesicht bekomme. Ich will mit ihr reden und beschimpfe sie so gut es geht durch die Zimmertür. Dieselbe Tür, durch die ich sie zuvor gehört habe. Zusammen mit diesem Monster. Sie hält es aber nicht für nötig, irgendwas zu antworten. Nach einer Weile frage ich sie, ob sie mir wenigstens was zu Trinken mitgebracht hat, aber immer noch keine Antwort. Ich glaube, sie hat keine Ahnung, wie schlimm das ist. Ich meine, was sie gemacht hat. Das ist schlimmer als alles, was ich gemacht habe. Ich habe auch gar nichts so arg Schlimmes gemacht. Die auf Facebook schreiben zum Teil, dass ich „ein ganz Lieber“ bin, obwohl ich mich auch da nie verstellt habe. Wenn es sein musste, habe ich auch da geschrieben: „Fickt Euch!“ Und dann gab es manchmal Empörung, aber unterm Strich bleibt man einfach befreundet, weil sonst macht es auch keinen Spaß. Ich weiß nicht, wie ich mit meiner Frau befreundet bleiben soll. Dass sie so gemein zu mir ist, das hätte ich nie gedacht. Das hätte sie vielleicht selber zuerst nicht gedacht, aber jetzt war sie es trotzdem. Und nicht mehr mit einem reden ist ja wohl die letzte Scheiße. Was soll ich jetzt machen? Ich habe noch genau eine Büchse Bier, sonst nichts. Wenn die leer ist, habe ich keine Ahnung, was ich machen soll.

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